Porträt Robert Moor
Bericht von Peter Keller
Marktfahrer wird nie pensioniert
SONNTAGSKOPF
Robert Moor aus Vordemwald fährt die Produktion seiner Zwirnerei langsam zurück – als Marktfahrer wird man ihn aber auch weiterhin antreffen.
«Seit dem 1. April bin ich pensioniert, aber ich bin nicht der Typ, der jetzt ständig im Garten herumwerkeln kann», sagt Robert Moor. Für den umtriebigen Gewerbetreibenden ist deshalb klar, dass er seine beruflichen Tätigkeiten auch in Zukunft beibehalten wird. Allerdings setzt er die Prioritäten neu: Die Zwirnerei an der Gländstrasse in Vordemwald wird etwas weniger oft in Betrieb sein. «Ich fahre die eigene Produktion von Garnen und Schnüren herunter», sagt er. Was er sich aber nicht nehmen lassen wird, sind die Märkte. Seit vielen Jahren sind Moors regelmässige Marktfahrer an den Zofinger Monatsmärkten, daneben sind sie pro Monat an ein bis zwei weiteren Märkten in der Schweiz präsent – so etwa in Ins im Bernbiet. Einerseits verfügt Robert Moor noch über ein immenses Lager an Handelsware – Bänder, Kordeln, Garne, Schnüre in allen Farben, Formen und Zusammensetzungen –, die an den Mann und die Frau gebracht werden will. «Der Verkauf läuft nur über den persönlichen Kontakt», fasst er seine langjährigen Erfahrungen zusammen. Andererseits liegt ihm daran, die vielen Bekanntschaften, die er an den Märkten aufgebaut hat, in den kommenden Jahren weiter pflegen zu dürfen.
DIE ZWIRNEREI,
das mechanische Verdrehen von Fasern zu Garnen und Schnüren, ist Robert Moor in die Wiege gelegt worden. Seine Eltern betrieben in Vordemwald bereits eine Zwirnerei. Moor erinnert sich noch lebhaft an den Sommer 1958, als er während der Ferien im letzten Schuljahr bei der Montage der neuen Zwirnmaschine mithelfen konnte, die seine Eltern bestellt hatten. Für den externen Monteur wars zwar nur ein kleines Objekt, aber er habe sichtlich Spass daran gehabt, zwischen zwei Grossaufträgen einmal etwas Ungewöhnliches installieren zu können. Robert Moor machte sich damals gerade Gedanken über seine Berufswahl und die Gespräche mit dem Monteur prägten seinen Werdegang: «Er empfahl mir, Ausschau nach einer Lehrstelle in einer Maschinenfabrik mit eigener Lehrlingsausbildung zu halten, denn grosse Lehrlingsabteilungen böten den Vorteil der Rotation innerhalb der Abteilungen, was während der vierjährigen Lehrzeit ein grosser Vorteil sei.»
IM FRÜHLING 1959
startete Robert Moor zusammen mit 21 anderen Burschen seine Lehre in der Motorwagenfabrik Berna in Olten. «Das war in jeder Beziehung ein Volltreffer», sagt er. Nach vier Jahren mit dem Lehrbrief ausgestattet, kam erneut die Zeit der Entscheidung: Beim Eisen bleiben, oder sich im Hinblick auf den elterlichen Betrieb der Garn- Branche annähern? Moor entschied sich für das Letztere und absolvierte überbrückungsweise ein Volontariat bei der Bleiche AG. Es folgte die Ausbildung im Fadenlabor der Textilfachschule Wattwil. «Es war eine schöne und spannende Zeit und der weit gereiste Rektor vermittelte uns Grünschnäbeln mit zahlreichen Besuchen in den damals noch in vollem Saft stehenden Textil- und Textilmaschinenfabriken einen hervorragenden Überblick der Branche.»
NOCH IM SCHLUSSSEMESTER
an der Textilfachschule durfte Robert Moor einen Anstellungsvertrag als Monteur im Aussendienst der Arboner Hamel AG unterschreiben. Die Bodenseeregion wurde zur seiner temporären Heimat und die Monteurentätigkeit führte ihn in viele europäische Länder. Für den Aufbau einer ersten grossen Zwirnerei-Anlage schickte man ihn mit einem erfahrenen Monteur-Kollegen nach Frankreich. Die erste Montage in eigener Regie erledigte er im russgeschwärzten englischen Bradford. «Die Landschaft war düster, aber das Wesen der Leute war offen und herzlich», erinnert er sich. Noch lange pflegte er den Kontakt mit seiner damaligen Schlummermutter, die ihn jeweils nach der Arbeit in Englisch unterrichtet hatte.
1972 KAM ROBERTMOOR
an den nächsten Wendepunkt in seinem Leben. Er hatte inzwischen seine Freundin Anita geheiratet. Die Auslandeinsätze als Monteur hatten langsam ihren besonderen Reiz verloren. Der Arbeitgeber zeigte Verständnis für den Wunsch nach einer beruflichen Veränderung, verlangte aber, dass er sein Knowhow möglichst umfassend an einen Nachfolger weitergeben solle: «Neue Besen kehren zwar gut», pflegte der Patron zu sagen, «aber die alten kennen die Ecken besser.»
DIE FAMILIE MOOR
kehrte nach Vordemwald zurück. Robert trat aber nicht in den elterlichen Betrieb ein: «Mein Vater äusserte den Wunsch, bis zu seiner Pensionierung den Betrieb zu führen, und er glaubte, dass zwei Häuptlinge neben ein paar Indianern zu viel seien.» Robert Moor bekam aber die Möglichkeit, auf dem Betriebsgelände eine eigene Firma aufzubauen. Er konzentrierte sich erfolgreich auf Nischenprodukte: «Angefangen habe ich mit elektrisch leitenden Weidezaunschnüren; dafür habe ich Polyesterfasern mit Kupferdrähten zu Litzen verdreht.» Das Produkt lief hervorragend, denn damals hatten die Bauern das grosse Problem, dass sie beim Mähen manchmal die Metalldrähte der Kuhzäune zerschnitten. Frassen die Kühe Drahtstücke, endete das Drama meist im Schlachthaus.» Ein weiterer Renner aus Robert Moors Zwirnerei waren die farbigen Schnüre für Makraméarbeiten – in den 70er-Jahren war das ein gewaltiger Boom und an allen Ecken und Enden wurden solche Kurse angeboten.» Beträchtlichen Umsatz machte Moor auch mit Packschnüren, die er aus Garnresten der Textilfabriken fertigte.
MIT DEN PACKSCHNÜREN
erlebte Robert Moor aber auch einen der schwierigsten Momente seines selbstständigen Berufslebens. Ende der 70er-Jahre verfügte die Post ohne Vorwarnung, dass Pakete nicht mehr verschnürt werden dürfen. «Mir brach über Nacht die Hälfte meines Geschäftsumsatzes weg; ich habe nicht verstanden, warum die Post so etwas dekretiert.» Begriffen hats Moor bei einem Besuch des Gewerbevereins im Verteilzentrum Härkingen. Lose Schnüre von zusammengedrückten Paketen sind an den Weichen der Sortieranlagen hängen geblieben und haben das ganze System lahmgelegt.»
DURCH DEN RÜCKSCHLAG
liess sich die Familie Moor nicht unterkriegen. «Meine Frau hatte die Idee, den Umsatzausfall durch Eigenverkauf an Märkten zu kompensieren. Wir haben damit begonnen und die Marktfahrertätigkeit wurde zu unserem zweiten Standbein. Neben der Eigenproduktion von Garn-Spezialitäten bauten Moors ein immer grösser werdendes Sortiment an Handelswaren auf. «Mir kam zugute, dass ich eine ausgesprochene Sammlernatur bin und innerhalb der Textilbranche natürlich über ein enges Kontaktnetz verfüge. Immer, wenn wieder eine Fabrik dichtmachte und Lagerware zu liquidieren war, hat man als Erstes den Moor gerufen.» Anbieten kann er heute auch Leinen- und Seidenprodukte für Handweberinnen, Klöpplerinnen und andere Kunstschaffende. Verkauft werden die Produkte nicht nur an den Märkten, sondern auch ab Betrieb in Vordemwald. «Natürlich kann nicht jederzeit jemand im Geschäft stehen, aber auf telefonische Voranmeldung darf man ungestört im reichhaltigen Fundus stöbern.»
MIT DER PENSIONIERUNG
erhofft sich Robert Moor, nun auch wieder etwas mehr Zeit für andere Tätigkeiten zusammen mit seiner Frau einsetzen zu können. «Ich helfe ihr gerne bei der Gartenarbeit und jetzt kann ich selber immer dann in den Wald auf Pilzsuche gehen, wenn die Verhältnisse gut sind. Früher bin ich immer ganz kribbelig geworden, wenn ich gesehen habe, dass die Rentner schon in die Wälder ausschwärmten und ich noch meinem Tagwerk nachgehen musste.» Die Waldungen rund ums Dorf schätzt Moor als gute Eierschwamm- und Sommersteinpilz- Standorte. Auch andere Spezialitäten sind zu finden, wenn man weiss, wo suchen – aber das verrät ein echter Pilzler nie. Geblieben aus der Monteurtätigkeit ist das Flair für Maschinen, vor allem elektromechanische. «Ich repariere gerne kaputte Objekte, denn mich interessiert immer brennend, wie etwas zusammengesetzt ist und wies funktioniert.» Im Laufe des Jahres dürften auch weitere familiäre Verpflichtungen auf Moors zukommen: «Wir werden Grosseltern und freuen uns sehr darauf.»
DAS MARKTFAHRERBLUT
pulsiert immer noch kräftig in Robert Moors Adern. Unterstrichen hat er das, indem er sich zur Pensionierung einen Standanhänger gekauft hat, womit das aufwändige Auf- und Abladen an den Märkten stark vereinfacht wird. Eine gute Grundlage, um Beruf und Leidenschaft weiter pflegen und das Lager langsam, aber kontinuierlich abbauen zu können. Die Zwirnerei an der Gländstrasse wird irgendwann wahrscheinlich eingestellt, denn Robert Moors Tochter und sein Sohn haben ihre beruflichen Weichenstellungen in andere Richtungen vorgenommen. «Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, den Betrieb in andere Hände zu übergeben, denn er ist heute wahrscheinlich zu klein, um erfolgreich weiter wirken zu können. » Rückblickend sagt er, dass er schon manchmal das Gefühl gehabt habe, Hans im Glück zu sein. Mit einer positiven Lebenseinstellung sei aber vieles zu bewältigen: «Tragt Sorge zum Erreichten, haltet Mass in allen Dingen und glaubt an das Gute im Menschen, es lohnt sich» lautet sein Ratschlag, mit dem er persönlich immer sehr gut gefahren ist.




